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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 22:35

     

    Christoph Leisten: in diesem licht

    17.05.2004

     
    serpentinen im kopf

    In der Lyrik Christoph Leistens darf man das "wort, auf der suche / nach dem pfad ins dorf" begleiten und damit gleichzeitig der im Gedicht sichtbar werdenden Schreibbewegung nachspüren, die sich selbst als eine Reise, ein Unterwegssein vorstellt.

     

    Nach seinem Debütband „entfernte nähe“ (Calatra Press, Lahnstein 2001) und zahlreichen Veröffentlichungen in namhaften Literaturzeitschriften und Anthologien legt Christoph Leisten, Lehrer und Autor aus Würselen bei Aachen, seinen zweiten Lyrikband vor.

    "IN DIESEM LICHT verwittern / die erklärungen (…)“. Alles andere als zufällig eröffnen gerade diese Verse das letzte und zugleich titelgebende Gedicht in Christoph Leistens neuem Gedichtband. Hier sind in einem eindrucksvollen Bild das poetische Verfahren und dessen Resultat kürzestmöglich auf den Punkt gebracht. Die Gegenstände und Orte in Leistens Lyrik werden tatsächlich ins Licht gesetzt, zumal in ein Licht, das sprachlich und mit überraschenden Metaphern beleuchtet und zugleich verfremdet, was der flüchtigen Wahrnehmung des vermeintlich Alltäglichen unweigerlich entgeht.

    Reflexion und Intuition

    Dass „in diesem licht“ die (bisherigen) Erklärungen (zunächst) verwittern müssen, ist einsichtig, schafft doch diese Art der Beleuchtung/-lichtung einen neuen Blick auf die verschiedensten Wirklichkeiten, der zu frischen und unerwarteten Erkenntnissen führt. Bei aller Reflektiertheit stellt sich in diesen Zeilen außerdem die Poetik Leistens programmatisch und zu recht als eine im Kern immer noch intuitive vor.

    Der Klappentext indes verspricht Gedichte, „die einen Bogen spannen zwischen mitteleuropäischer, mediterraner und maghrebinischer Gegenwartserfahrung“. In der Tat wird in den drei Kapiteln dieses Bandes sogar ein feinmaschiges Netz ausgelegt, das nicht nur in der Lage ist, bloß topographische Punkte zu verknüpfen, sondern auch geschickt die verschiedenen Alltagserfahrungen anzitiert, um sie gleichzeitig in ein neues Licht zu rücken. So zeigt sich beispielsweise in den Gedichten aus dem dritten Teil des Buches nicht nur eine profunde Kenntnis der nordafrikanischen, hier speziell der marokkanischen, Lebenswirklichkeit, sondern zugleich ein Ich, das sich als ein fremdes in einer Kultur wiederfindet, deren Zeichen und Gepflogenheiten es vor dem eigenen Hintergrund zu entziffern hat:

    … auf ein vertrautes zeichen / brachte der kellner die getränke // und die gläser trugen / die fremdvertrauten zeichen unter uns // fuhren wir mit leichter hand / darüber glaubten wir zu verstehen

    Das Verstehen des Eigenen, des Ich, im Hinblick auf das Andere und die Fremderfahrung wird so immer wieder in das Blickfeld geholt. „… morgens / schleift das gekörn deinen / blick in ein anderes // ich“ heißt es an einer Stelle. Das Individuum erfährt also vor der Folie des Anderen, also einer anderen Kultur, einer anderen Landschaft oder des Gegenübers, immer wieder Korrekturen und muss sich so fortlaufend neu konstituieren: „aus dieser passage geht niemand gleich hervor. …“ muss demgemäss die Konsequenz lauten. Zugleich ist dies die Situation, in der sich der Leser befindet in der Konfrontation mit dem poetischen Bild. Auch hier finden kontinuierlich Sinn- und Selbst-Konstitutionen statt bei der Deutung dieser stets mehrwertigen Bilder.

    Sinn- und Selbstkonstitution

    Diese Verschränkung und gegenseitige Durchdringung von Fremdem und Eigenem gelingt besonders meisterhaft etwa im Gedicht herkunft: Hier werden Wörter unserer Alltagssprache mit wesentlich arabischem Ursprung zu einem beeindruckenden Klangmuster verwoben, das so filigran anmutet wie die Formen und Ornamente orientalischer Webkunst:

    der talisman, dessen intarsien / chiffon und ebenholz / matt in die masken massieren: //

    ein magazin der monsune, / in deren gala lauten / unter baldachinen havarieren:

    Die Sprache Christoph Leistens überzeugt aber keineswegs bloß klanglich und rhythmisch. Den vielbeschworenen und von vielen Lyrikern dieser Tage wohl vergeblich gesuchten ‚eigenen Ton’ hat Leisten tatsächlich gefunden. Gekonnte und überraschende Enjambements, konsequente Kleinschreibung und eine beeindruckend sensible und polyvalente Bildlichkeit erzeugen doppelte Böden und komplexe, sprachlich innovative Textgefüge auf der Höhe der Zeit. Die so entstehenden Bilder verbleiben dabei nie ausschließlich im Abstrakten, sondern wirken immer höchst sinnlich und konkret. In der Tat bietet sich hier „ein abgestimmtes ensemble von versen // und interieur“.

    Allen Texten dieses Bandes gemein ist schließlich, dass sie „… serpentinen // im kopf …“ erzeugen, sie mäandern zwischen Provinz und großer, weiter Welt, machen halt, mal hier mal dort, kehren ein, um alsbald wieder aufzubrechen. Unruhe kommt in den Texten deshalb aber keineswegs auf, vielmehr findet sich in ihnen ein genauer, ruhender Beobachter, der die Bewegung dort zu verlangsamen weiß, wo sie sonst zu flüchtig ist, um wahrgenommen zu werden:

    … ausgelaugt die läden dieser terasse / woher dein blick nun über die schriften hinweg / auf die konversation streift am nebentisch / gemasertes holz und eine vage gravur / ein wenig verschüttete milch freigebend …

    heißt es etwa im Gedicht palimpsest. Wie reflektiert diese Beobachtungen tatsächlich sind, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der Betrachter sich mithin auch immer wieder selbst im Blick hat, sodass man nicht selten feststellt, wie die Texte zuweilen auch über sich bzw. über das Dichten selbst sprechen:

    das blau / fällt in den rücken seiner // ankunft. aufgebrochen ist er / längst, wie das gefäß, / dessen inhalt spät und blau / über den fußweg rinnt, / in seinem dunklen fieber

    Oft genug darf man dabei das „wort, auf der suche / nach dem pfad ins dorf“ begleiten und damit gleichzeitig der im Gedicht sichtbar werdenden Schreibbewegung nachspüren, die sich selbst als eine Reise, ein Unterwegssein vorstellt.

    Langer Nachhall

    Aber auch Politisches und Medienkritisches nimmt Leisten auf und bringt es in eine Form, die sowohl auf Agitatorisches als auch auf belehrende Gesten völlig selbstverständlich verzichtet. Stattdessen wird im Gedicht hochglanz etwa die Verknüpfung einer ideologisch-überformten Kriegsmetaphorik mit der antiken griechischen Tragödie gesucht und so das eigentliche Theater, die Inszenierung entlarvt, die eine mediale Fiktion als das Wahre verkaufen will: So wird dort der amerikanischen Kriegsparole „shock and awe“ das Begriffspaar phobos und eleos (Furcht und Mitleid) gegenübergestellt, den für eine Reinigung der Affekte wichtigen Leidenschaften, deren Erregung das höchste Ziel des Theaters von der Antike bis zur Aufklärung war.

    Die bilderreiche, mit überraschenden Metaphern arbeitende Sprache aller dieser Texte fordert den Leser schließlich dazu auf, die eigenen Serpentinen im Kopf, nämlich seine Gehirnwindungen zu bemühen, um zu eigenen Schlüssen und neuen Sichtweisen zu kommen.

    Was festzuhalten ist und die eigene (am besten wiederholte) Lektüre unersetzlich macht: Leistens Gedichte hallen nach, man wird nicht müde, sie wieder und wieder zu lesen.

    Dass Dieter P. Meier-Lenz in diesen Gedichten die "Sprache im Ausnahmezustand" sieht, darf also nicht verwundern, schließlich haben wir es hier - so scheint es mir - eben mit einer echten Ausnahme in der deutschsprachigen Lyriklandschaft zu tun.

    Christoph Wenzel


    Christoph Leisten: in diesem licht. Gedichte. Rimbaud, Aachen 2003. 64 S., fadengeh. Klappenbroschur. ¤ 15,-. ISBN 3-89086-691-3

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