TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 12:30

Jimmy Beaulieu: Ein philosophisch pornografischer Sommer

12.09.2012

Eine Sommernächte-Sexkomödie

Einen Sommer lang begleitet man als Leser ein interessantes Figurenensemble in Jimmy Beaulieus Comicdebüt. Dieses ist zwar weder philosophisch noch pornografisch, aber doch geistreich und frivol. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Irgendwo in Kanadas Norden: Der Filmemacher Louis hat mit seinem Debüt einen kommerziellen Hit hingelegt, was es ihm ermöglicht, dem Business den Rücken zu kehren, um sich in einem verlassenen Hotel an einem einsamen Küstenstreifen niederzulassen. Im Schlepptau hat er seine Freundin Corrine und ein befreundetes Pärchen, Muriel und Leonce, um in dem neu erworbenen Anwesen mit ihnen gemeinsam den Sommer zu verbringen.

 

Dann gibt es da noch Martin, einen Schriftsteller, der hoffnungslos in Annie verliebt ist. Die hat es allerdings auf die schöne Bäckerin abgesehen, weswegen sich Martin ständig bei Simone ausheult – und sich auf diese Weise alle Chancen bei ihr verbaut.

 

Gebaren und Begierde

Der Norden Kanadas ist bei Beaulieu eine träumerische Kulisse, vor der er sein Figurenensemble ausgiebig lustwandeln lässt. Die einzelnen Charaktere rangieren dabei in den Grauzonen von loser und fester Beziehung, Trieb und Trübsal, Gebaren und Begierde. Während Louis, den man als Hauptfigur ausmachen kann, nach und nach das Gemäuer seiner neu erworbenen Immobilie erkundet, offenbaren sich parallel dazu die sexuellen Phantasien und Wunschvorstellungen der Handlungsträger, die manchmal kollidieren, manchmal korrespondieren.

 

Eine wirkliche Geschichte wird dabei übrigens nicht erzählt. Beaulieu verknüpft kleine Episoden der Zwischenmenschlichkeit zu einem frivolen Reigen, der durch geistreiche Dialoge und glaubwürdige Charaktere zusammengehalten wird. Das Ganze ist bei so mancher Übertreibung ziemlich lebensnah, wenngleich man nicht so recht glauben kann, dass hier tatsächlich ein realistisches Bild einer »gut gelaunten, jungen franko-kanadischen Gesellschaft, die leichtfüßig durch Leben geht« vermittelt wird, wie es im Klappentext heißt. Wer diesen repräsentativen Anspruch jedoch ebenso wenig ernst nimmt wie den Titel des Bandes, von dem man explizite Details in Großaufnahme sowie Fußnoten forderndes Theoretisieren erwarten könnte, begleitet das Figurenensemble gerne durch den Sommer, ohne etwas zu vermissen.

 

Nackte Tatsachen in schönem zeichnerischen Gewand

Neben den lebendigen Dialogen tragen vor allem Beaulieus abwechslungsreiche Zeichnungen zur Vitalität des Bandes bei. Der Kanadier entwirft seine Bilder mit schwungvollen Tuschestrichen und lässt sie in den Farben einer aquarelligen Kolorierung erstrahlen. Immer wieder kommen auch Buntstifte zum Einsatz, was wesentlich knalliger erscheint als die Pastellfarben, die er über weite Strecken verwendet. Im Weg stehen sich diese beiden Techniken jedoch nicht – sie gehen gelungen ineinander einher und funktionieren ebenso wie das expressive Mittel, den realistisch gehaltenen Figuren zwischenzeitlich cartoonhaft überzeichnete Mimiken zu verpassen, um unterschiedliche Stimmungen auszudrücken.

 

Es fällt übrigens angenehm auf, dass die Frauen, die Beaulieus Kanada bevölkern, nicht allesamt Entsprechungen eines einzelnen fetischhaften Prototyps sind. In Ein philosophisch pornografischer Sommer begegnet man Frauen mit gänzlich verschiedenen Proportionen, die allesamt sehr schön und begehrenswert aussehen – ohne dabei in Posen gesetzt worden zu sein wie in gängiger Erotik-Fotografie.

 

Dadurch, dass Beaulieu seine Figuren auch zeichnerisch ernst nimmt, liegt es wohl, dass sein Comic über die gesamte Dauer von fast 300 Seiten gut zu unterhalten weiß, obwohl keine wirkliche Geschichte um die Figuren gewoben ist.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Ein Geheimnis in einer Graskugel

Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter