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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 07:42

    Jodorowsky / Moebius: Lust & Glaube

    31.10.2012

    Die Bekehrung des Philosophen

    Die Lust und Glaube – Trilogie der beiden großen Künstler Jodorowsky und Moebius ist ein eigenartiger Trip im Themenkreis von Philosophie, Religion, Politik und Sex. BORIS KUNZ war am Ende etwas ratlos.

     

    Die Verwirrung beginnt schon damit, dass der Verlag den Comic als »frühes Meisterwerk« des berühmten Autorenduos anpreist – obwohl Lust und Glaube in den Neunzigern, also ein Jahrzehnt nach dem zweifellos meisterlichen John Difool, entstanden ist. Und wer den Band tatsächlich als Auseinandersetzung mit den »nach 68-er Zuständen in Pariser Akademikerkreisen« liest, wird bei der Hälfte des ersten Teils anfangen, sich doch etwas darüber zu wundern, wohin die Geschichte steuert. Der deutsche Titel Lust und Glaube ist da doch ein zuverlässigerer Hinweisgeber.

     

     

    Die Farbe Lila

    Alain Mangel ist ein angesehener Philosophieprofessor an der Sorbonne, der von Teilen seiner Studentenschaft geradezu kultische Verehrung erfährt. Seine Anhänger machen ihm sogar seine Vorliebe für lilafarbene Anzüge nach und kleiden sich – bis hin zur Spitzenunterwäsche – in der Farbe ihres Vorbildes. Mangel zelebriert eine Art pseudo-religiös verbrämten Zen-Buddhismus, ein Streben nach der Überwindung der physischen Gegebenheiten, die ihn alle Geschehnisse des materiellen Lebens mit emotionaler Gelassenheit hinnehmen lässt. Diese Gelassenheit wird auf eine harte Probe gestellt, als seine Frau ihn verlässt, weil sie seine sexuelle Askese nicht mehr aushält, und aufgeklärte Studenten sein privates Versagen zum Anlass nehmen, endlich gegen sein »mystisches Gequatsche« zu rebellieren.

     

    Schließlich bleibt ihm nur noch die ihm treu ergebene Studentin Elisabeth, deren erotische Avancen er aber ablehnt, denn er sei »kein Mann mehr, sondern ein Priester«. Doch Elisabeth ist überzeugt davon, dass sie beide in Wahrheit Reinkarnationen des biblischen Paares Zacharias und Elisabeth sind und dass ihre göttliche Aufgabe darin besteht, in einem Akt idealisierter Liebe ein Kind zu zeugen, und zwar die Wiedergeburt von Johannes dem Täufer, der die Wiederkehr Jesu Christi einläuten wird. Offensichtlich ist Elisabeth dem religiösen Wahn verfallen – und Alain erkennt, dass er die Motive dieses Wahns mit den Inhalten seiner Vorlesungen selbst beigesteuert hat.

     

    Diese Erkenntnis ist zwar ein bitterer, aber potenziell heilsamer Schock für Alains Spiritismus, doch ausgerechnet jetzt meldet sich seine Libido in Form jenes mephistophelischen Geistes zu Wort, der auch das Titelbild der Gesamtausgabe ziert. Alains unterdrücktes Ego, seine nicht ausgelebten sexuellen Wünsche, manifestieren sich in einem neongrünen Plagegeist, den Mangel nicht mehr loswird, und der ihn zum Sex mit Elisabeth drängt.

     

    Damit ist das Spannungsfeld der Geschichte etabliert: Lust (Alains Dämon) und Glaube (Elisabeth) zerren an Alain, der es stets gewohnt war, allen Unbillen des Lebens über den Intellekt zu begegnen. Selbst seine spirituellen Anwandlungen waren bislang nur eine kopfgesteuerte Strategie, mit seiner Unfruchtbarkeitsdiagnose umzugehen. Alain lässt sich zu einer Liebesnacht mit Elisabeth hinreißen, entsagt dem Spiritismus, wird wieder zu einem nüchternen, klar denkenden Philosophen und hat damit an der Sorbonne kurzzeitig wieder Oberwasser. Bis sich herausstellt, dass er Elisabeth tatsächlich geschwängert hat.

     

    Jetzt steckt Alain in der Zwickmühle: Er will das Mädchen und das Ungeborene nicht im Stich lassen, doch Elisabeths Wahnvorstellungen nehmen immer bizarrere Züge an. In einem heroinsüchtigen Straßendealer hat sie den wiedergeborenen Joseph erkannt, in der Tochter eines kolumbianischen Drogenbarons, die in einer Pariser Irrenanstalt einsitzt, die neue Maria. Diesen sei es vorherbestimmt, den kommenden Jesus zu zeugen. Die Wiederkehr des Heilands muss also dadurch in Gang gesetzt werden, eine junge Frau aus einer Anstalt zu entführen. Alain, der inzwischen jeglichen Glauben an Göttliches verloren hat, lässt sich trotzdem auf die in seinen Augen verrückten Aktionen ein – und zwar nicht zuletzt wegen der sich ihm immer wieder bietenden Gelegenheiten, Elisabeth und Maria zu besteigen und mit blutjungen Frauen den Sex seines Lebens zu haben.

     

    Verloren im Irrationalen

    Die Irre von Sacré-Coeur, der erste Teil von Lust & Glaube, lässt sich wunderbar als Gesellschaftssatire lesen, bei der sowohl die Intellektuellen als  auch die religiösen Spinner ihr Fett abkriegen. Die Selbstverständlichkeit und Arroganz, mit der Elisabeth, Joseph und Maria von ihrer göttlichen Mission überzeugt sind, wirkt ebenso ätzend wie Alains Opportunismus, der sich unter dem Diktat weiblicher Reize zum Erfüllungsgehilfen von etwas machen lässt, was er eigentlich für puren Irrsinn hält. Die Texte sind dabei so spürbar sophisticated, dass das immer abgedrehter werdende Szenario nicht plump wirkt.

     

    Im zweiten Teil, Gefangen im Irrationalen, bekommt die Geschichte aber einen neuen Dreh: Sämtliche Prophezeiungen von Elisabeth erweisen sich als zutreffend, dank göttlicher Wunder lösen sich Alains finanzielle Probleme, übersteht das Quartett unbeschadet die Schießereien des Drogenkrieges, in den sie hineingeraten, verwandelt sich Maria nach und nach in »Jesusa«, den zweitgeschlechtlichen Heiland – und plötzlich ist das nicht mehr die Geschichte eines vernunftbegabten Arschlochs unter lauter Irren, sondern die eines verblendeten Intellektuellen, der nicht annehmen kann, dass um ihn her Wunder geschehen. Und das kann einen als Leser so ein bisschen aus der Bahn werfen.

     

    Man weiß irgendwie nicht mehr, wo es mit einem hinwill, dieses Autorenduo. Während Jodorowsky seinen Plot immer ernster zu nehmen scheint und der widerspenstige Philosoph, der lange Zeit nur in Zitaten großer Denker gesprochen hat, auch noch bei einer wundertätigen indianischen Schamanin im Dschungel landet, wird der Stil von Moebius immer karikaturhafter. Während der erste Teil vom Stil noch stark an den »klassischen« Moebius aus John Difools Zeiten erinnert, werden die Zeichnungen im zweiten Album expressiver, fahriger, die Farbgestaltung nimmt eher einen symbolhaften als einen ästhetischen Zug an. Während das jedoch ein schleichender Prozess war, wirkt der Bruch im dritten Album, Der Irre von der Sorbonne, so drastisch, dass man zuerst glaubt, ein neuer Zeichner hätte übernommen und sich dazu entschlossen, in Cartoons zu verwandeln, was vorher noch Charaktere waren.

     

    Es spricht für Moebius´ Wandlungsfähigkeit als Zeichner, wie er es schafft, zwischen derart verschiedenen Stilen zu changieren, doch es ist schon verwunderlich, wenn Zeichnungen und Story unterschiedliche Botschaften senden. Man hat nämlich das Gefühl, dass es Jodorowsky ernst ist damit, das Eliminieren des Philosophierens und kritischen Denkens als Heilsweg zu verkünden. Doch dieser Plot führt dazu, dass die Hauptfigur immer clownesker wird: Alain tritt in seiner Entwicklung permanent auf der Stelle. Er erlebt eigentlich schon im zweiten Band so viele Wunder, dass sein ständiges Hadern, Zweifeln und Nörgeln trotz all dieser Erfahrungen etwas zäh wirkt. Alain muss sich gegen die Bekehrung wehren, damit Jodorowsky alle Register ziehen kann.

     

    Mit Jodorowsky kann es einem ein bisschen so gehen, wie mit David Lynch und seiner Begeisterung für die Transzendentale Meditation: Wenn man weiß, was für abgefahrenes Zeug der Künstler in seinem Privatleben treibt, bekommt die ansonsten sehr angenehme Verstörung, die sein Werk beim Betrachter auslöst, einen merkwürdigen Beigeschmack und man fürchtet, dass irgendwo dahinter eine ernst gemeinte Bekehrungsabsicht lauert.

     

    Doch die Geschichte ist viel zu überzogen, zu voll von Plot-Wundern, um wirklich für Spiritualismus werben zu können. Ist die Übersteigerung ins Bizarre also doch nur ein Spaß, an dem Autor und Zeichner mehr Freude hatten, als daran, die Satire zu einem bitteren, aber realistischen Ende zu bringen? Jodorowsky und Moebius sind nun einmal begnadete Erzähler und sich von ihnen derart verwirren zu lassen, kann immer noch unterhaltsamer und spannender sein, als die Lektüre von plumpen Satiren, deren Standpunkt von vornherein feststeht. Solange man Lust & Glaube einfach als abgefahrene Geschichte liest, ist man zumindest gut unterhalten.

     

    Außerdem hat die Gesamtausgabe ein lila Lesebändchen! Ob auch dahinter eine Bedeutung verborgen ist?

     

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